Professor Dieter Moormann erläutert im Forum der Aachener Zeitung den Stand der Forschung an unbemannten Fluggeräten. RWTH-Senatsvorsitzender Kai-Uwe Schröder über das Spannungsfeld zwischen friedlicher und militärischer Nutzung.
Langweilig ist gut. Unspektakulär ist auch gut. Für Professor Dieter Moormann kann es gar nicht öde genug sein. Denn je langweiliger ein Drohnenflug ist, desto sicherer ist er auch. Und genau darum geht es dem Leiter des Instituts für Flugsystemdynamik und seinem Team: Den sicheren, präzisen und robusten Einsatz von autonomen unbemannten Flugsystemen – in Zeiten hybrider Bedrohungen.
Am Dienstagabend stellte er seine Forschung in einem Forum der Aachener Zeitung vor. Rund 100 Gäste waren ins Verlagsgebäude an der Dresdener Straße in Aachen gekommen, um aus erster Hand zu erfahren, wie der Stand der Drohnenforschung ist, was es mit dem „Center for Vertical Mobility“ auf sich hat und wie an der RWTH mit der „dual use“-Problematik umgegangen wird, also der Tatsache, dass friedliche Forschung auch militärisch genutzt werden kann.
Professor Dieter Moormann hatte seine wissenschaftlichen Mitarbeitenden Eva König und Philipp Müller mitgebracht, die konkrete Projekte vorstellten. So war Eva König in Bangladesch, um vor Ort testen zu können, ob im Notfall die Bevölkerung mit medizinischen Gütern versorgt werden kann. „Flutnetz“ heißt das Projekt, bei dem erprobt wurde, ob im Falle eines Schlangenbisses das benötigte Gegengift per Drohne in überflutete Gebiete gebracht werden kann. „Zwischen 7000 und 8000 Menschen sterben jährlich in Bangladesch an solchen Bissen, wir haben gezeigt, dass wir das Gegengift zentimetergenau am benötigten Ort abwerfen können“, berichtete Eva König. Überwacht werden die autonomen Fluggeräte dabei von Aachen aus – das funktioniert weltweit. Im Projekt „EDEN Medical“ von Philipp Müller geht es ebenfalls um den Transport medizinischer Güter. Müller erforscht dabei in Kooperation mit sechs Krankenhäusern – federführend ist die Uniklinik RWTH Aachen –den grenzüberschreitenden Flugverkehr in der Euregio: „Die Regularien sind dabei durchaus herausfordernd“ umschrieb er schmunzelnd die bürokratischen Hürden.
Beiden Projekten gemein sind die eingesetzten Fluggeräte. Die sogenannten „Kippflügler“ können vertikal starten, benötigen folglich keine Landebahn und sind überaus flexibel einsetzbar. Durch ihre schwenkbaren Tragflächen können sie anders als die bekannten Multikopter lange Strecken zurücklegen. Die Kippflügler fliegen automatisiert, nicht autonom. „Autonom hieße, sie würden eigene Entscheidungen treffen“, erläuterte Moormann. Auch an einer solchen „geschützten Autonomie“ forschen die RWTH-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch das Feld der Drohnenforschung an der RWTH ist noch viel weiter, der „Cleancopter“ kann Fassaden oder PV-Anlagen reinigen, „Flugwindkraftanlagen“ zielen darauf ab, in bis zu 1000 Metern Höhe Höhenwinde auszunutzen, die konventionelle Windenergieanlagen nicht zur Verfügung stehen.
Klar ist aber auch: Spätestens mit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine schaut die Öffentlichkeit anders auf das Thema Drohnen. Wie sehr ein möglicher militärischer Nutzen der Forschung auch innerhalb der Universität diskutiert wird, erläuterte der RWTH-Senatsvorsitzende Professor Kai-Uwe Schröder in der von Bernd Büttgens und Carsten Rose moderierten Veranstaltung: Es gebe keine einfache Antwort auf die Frage nach dem „dual use“, wusste Schröder von intensiven Diskussionen im Senat zu berichten. Die RWTH wolle sensibilisieren und entwickle derzeit „Leitplanken“ als Orientierungshilfen für die Forschenden. Die Freiheit von Forschung und Lehre sei ein hohes Gut, die „Mütter und Väter des Grundgesetzes werden sich etwas dabei gedacht haben, als sie diese garantierten“, so Schröder.
Der Befürchtung, dass an der RWTH generiertes Wissen zur Entwicklung von Produkten diene, die letztlich in Kriegen zum Einsatz kommen, stünden eben diese Freiheit der Forschung, der friedliche Einsatz von Drohnen und letztlich auch das Verteidigen der freiheitlichen Grundordnung auf Basis fester Werte, die die RWTH habe, gegenüber. „Natürlich entwickeln wir an der RWTH keine militärischen Produkte“, so Professor Dieter Moormann, „dennoch ist unsere Grundlagenforschung – wie nahezu jede Forschung – in der Konsequenz auch militärisch nutzbar.“ Hochsicherheitsforschung ist an der Aachener Universität ohnehin nicht möglich, „dafür fehlt uns die Infrastruktur“, so Schröder.
Wie sehr sich die Sichtweise auf dieses Thema seit der russischen Aggression gewandelt hat, wird auch bei einem großen Projekt deutlich, dass derzeit in Aldenhoven neben der Halde Emil-Mayrisch entsteht. Hier, im früheren Bergbaugebiet in Sichtweite der riesigen Abraumhalde, wird das „Center for Vertical Mobility“ errichtet, der „dual use“, das wurde bei Übergabe des Förderbescheids durch NRW-Ministerin Mona Neubar und ‑Minister Oliver Krischer sehr deutlich, ist ausdrücklich gewünscht. Das Land Nordrhein-Westfalen stärkt gezielt Innovationen für die zivile und militärische Verteidigung.
Mit dem Center for Vertical Mobility soll ein bundesweit einmaliges Kompetenz- und Testzentrum rund um das Thema Vertikale Mobilität im Rheinischen Revier geschaffen werden. An unbemannten automatisierten Fluggeräten wird ebenso geforscht wie an Lufttaxis und Flugwindkraftanlagen. Um deren Einsatz so sicher und robust wie möglich zu machen, müssen sie resilient gegenüber äußeren Einflüssen werden. „Wir haben es immer häufiger mit der absichtlichen Störung von Mobilfunk- und Satellitennavigation zu tun – leider“, sagt Dieter Moormann. In Aldenhoven sollen die Geräte fit dafür gemacht werden, trotz solcher Störungen einwandfrei zu funktionieren. Die gewonnenen Erkenntnisse werden nicht nur für die automatisierte Luftfahrt, sondern ebenso für das automatisierte Fahren, egal ob auf Straße oder Schiene, eine Relevanz haben, also auch Züge und Autos stressresistenter machen. Die Systeme werden insbesondere gegen das „Jamming“, also das vorsätzliche Stören von Satellitensignalen, und das „Spoofing“, das Aussenden von Pseudo-Satellitensignalen, fitgemacht. „Es geht eben nicht nur um den Bau der Fluggeräte, sondern auch um die Anwendung im realen Umfeld, in dem es auch zu Störungen kommen kann“, so Moormann.
Quelle: RWTH Aachen University
Forschung, Luftfahrt, New mobility